Kirche Geising

DerBaum > #kirchensafari > Kirche Geising




Kirchensafari: Die Stadtkirche Geising – Klang, Geschichte und ein verlorener Schatz

Manchmal führt der Weg nicht zu einer Kirche, weil sie von außen die größte oder prächtigste ist – sondern weil sie etwas besitzt, das man erst im Inneren entdeckt. So war es heute in Geising im Osterzgebirge: Ein unscheinbarer Weg durch den Ort führte mich hinauf zur Stadtkirche, deren mächtiger Turm schon von weitem über den Häusern steht.


Der Anlass meines Besuches war ein besonderer: Musik auf der historischen Ranfft-Orgel. Wenn in einer alten Kirche nach Jahrhunderten wieder die Pfeifen erklingen, entsteht eine Verbindung zwischen den Menschen, die einst hier saßen, und denen, die heute zuhören. Die Geisinger Orgel wurde 1755 bis 1757 von Johann Daniel Ranft geschaffen und gehört zu den bedeutenden erhaltenen Werken dieses Orgelbauers.


Und so wurde der Kirchenraum plötzlich zu dem, was er seit Jahrhunderten ist: kein Museum, sondern ein lebendiger Ort. Der Klang füllte das hohe Gewölbe, wanderte über Emporen und Bänke und ließ erahnen, wie viele Generationen vor uns hier gebetet, gesungen und gelauscht haben.

Über dem Taufstein schwebt ein barocker Engel – ein sogenannter Taufengel. Er hält die Taufschale und erinnert daran, dass die Taufe als Verbindung zwischen Himmel und Erde verstanden wird. Solche Engel waren im Barock weit verbreitet; sie sollten das Sakrament sichtbar in den Kirchenraum hineintragen.

Doch der Geisinger Engel hat noch eine ganz eigene Aufgabe bekommen. Die Leute im Ort nennen ihn liebevoll den „Wetterengel“. Denn so erzählt man sich: Wenn der Engel besonders unruhig erscheint oder sich bewegt, dann kündigt er schlechtes Wetter an. Ob der Engel tatsächlich das Wetter vorhersagen kann, sei dahingestellt – aber schöner kann eine alte Dorfüberlieferung kaum zeigen, wie eng die Menschen mit ihrer Kirche verbunden waren.


So wird aus einem barocken Kunstwerk mehr als nur eine Ausstattung: Der Engel wird zum stillen Beobachter der Gemeinde, zum Begleiter von Taufen, Festtagen und den vielen kleinen Momenten des Lebens, die sich über Jahrhunderte unter seinem Blick ereignet haben.

Und dann ist da noch die Geschichte eines verlorenen verschwundenen Schatzes: der gotische Flügelaltar. Einst gehörte ein spätgotischer Altar zur Ausstattung der Kirche, ein Werk aus der Zeit um 1520, das von der mittelalterlichen Vorgeschichte des Gotteshauses kündete. Heute erinnert nur noch die Überlieferung daran – der Altar selbst ist verschwunden. Gerade solche Verluste machen deutlich, dass Kirchen nicht nur aus dem bestehen, was erhalten geblieben ist, sondern auch aus dem, was die Zeit genommen hat.

Beim Verlassen der Kirche bleibt der Blick noch einmal am mächtigen Turm hängen. Vielleicht hätte ein Besucher des 19. Jahrhunderts einen ähnlichen Eindruck gehabt – nur ohne die modernen Zeichen des Alltags, mit dem Klang der Glocken in der Luft und Menschen auf dem Weg zum Gottesdienst.

Geising zeigt einmal mehr: Eine Kirche ist kein abgeschlossenes Kapitel der Vergangenheit. Sie ist ein Ort, an dem Geschichte, Kunst, Musik und Geschichten weiterklingen.

Und manchmal braucht es nur eine alte Orgel, ein vergessenes Kunstwerk und ein kleines erzähltes Wort wie „Taufengei“, um eine ganze Kirchengeschichte wieder lebendig werden zu lassen.



~~~

Der Tag des HERRN kommt und ist nahe.
Joel 2,1




~~~

zurück zur startseite



~~~