Dorfkirche Fürstenau

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Die Kirche zu Fürstenau – Grenzkirche zwischen Sachsen und Böhmen

Es gibt Kirchen, die beeindrucken durch ihre Größe. Andere ziehen den Blick mit einer reichen Ausstattung auf sich. Und dann gibt es Gotteshäuser wie die Kirche zu Fürstenau, deren eigentliche Bedeutung erst sichtbar wird, wenn man beginnt, ihre Geschichte zu lesen. Denn diese Kirche erzählt nicht nur vom Dorf Fürstenau, sondern von einer ganzen Grenzlandschaft – von Glauben und Heimat, von Wallfahrten und von den engen Verbindungen zwischen Sachsen und Böhmen.


Schon ihre Lage ist außergewöhnlich. Hoch oben auf dem Erzgebirgskamm, unmittelbar an der böhmischen Grenze, liegt Fürstenau auf rund 700 Metern Höhe. Als Friedrich August Brandner 1845 sein Werk „Lauenstein, seine Vorzeit, frühern Schicksale und jetzige Beschaffenheit“ veröffentlichte, widmete er Fürstenau einen ausführlichen Abschnitt. Darin schildert er die rauen klimatischen Bedingungen des Erzgebirgskammes. Raue Winde, Nebel und lange Winter hätten das Leben der Bewohner über Jahrhunderte bestimmt. Erst die fortschreitende Rodung der Wälder und der unermüdliche Fleiß der Menschen hätten das Klima etwas gemildert und den kargen Boden besser nutzbar gemacht. Wer heute über die freien Höhen zwischen Fürstenau und der böhmischen Grenze blickt, kann diese Beschreibung noch immer gut nachvollziehen.

„So zeigte sich die alte Kirche von Fürstenau den Reisenden um 1837. Gezeichnet wurde sie nach der Natur von Johann Friedrich Wilhelm Wegener für die Sächsische Kirchen-Galerie. Knapp fünfzig Jahre später verschwand dieser mittelalterliche Bau zugunsten des heutigen Kirchenneubaus.“


Die Geschichte der Kirche reicht weit über den heutigen Bau hinaus. Bereits im Mittelalter bestand hier eine Kapelle, die der Unbefleckten Empfängnis Mariens geweiht war. Brandner stützt sich dabei auf Nachrichten aus dem damaligen Pfarrarchiv von Graupen und berichtet, dass Fürstenau ursprünglich Filialkirche der Graupener Pfarrei gewesen sei. Eine Glocke aus dem Jahr 1424 bezeugte bereits im 19. Jahrhundert das hohe Alter des Gotteshauses. Auch Richard Steche bestätigt wenige Jahrzehnte später den mittelalterlichen Ursprung der Kirche. Ihre eigentliche Berühmtheit verdankte sie jedoch nicht ihrer Architektur, sondern einem außergewöhnlichen Kunstwerk.

Im Mittelpunkt stand ein spätgotischer Schnitzaltar, dessen zentrale Figur heute als Fürstenauer Madonna bekannt ist. Brandner beschreibt noch den vollständigen Altar und deutet ihn als Darstellung der Heimsuchung Mariens, also des Besuchs der Gottesmutter bei ihrer Verwandten Elisabeth. Im Laufe der Jahrhunderte konzentrierte sich die Verehrung jedoch immer stärker auf die Marienfigur selbst. (Eine externe Seite sei hier verlinkt, auf welcher man den Altar nach aller Herzenslust von allen Seiten betrachten kann)


Schon früh entwickelte sich daraus eine bedeutende Wallfahrt. Brandner überliefert mehrere Wundererzählungen aus dem Graupener Pfarrarchiv. Zweimal sei das Marienbild gestohlen worden. Beim ersten Mal hätten sich die Diebe im Wald verirrt und das Bild verstecken müssen; am nächsten Morgen habe es sich wundersam wieder auf dem Altar befunden. Beim zweiten Versuch sei die Figur sogar bis nach Mariaschein gebracht worden, von wo sie auf ebenso wunderbare Weise nach Fürstenau zurückgekehrt sei. (Der Küster, welcher mir die Kirche aufgetan hatte, erzählte mir noch weiter: Jedesmal wenn das Bild gestohlen wird senkt sich der Boden der Kirche um eine Treppenstufe. Und tatsächlich muss man beim Eintreten zwei Stufen hinabgehen und zum Altar dann wieder zwei Stufen hinauf.)
Bemerkenswert ist dabei Brandners Umgang mit diesen Überlieferungen. Er übernimmt sie keineswegs kritiklos, sondern schließt mit dem Satz:

„Das geschichtlich Wahre an der Sache dürfte sich jedoch auf folgende zwei Thatsachen reduciren lassen.“

Für einen Heimatforscher der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist das eine erstaunlich moderne Form der Quellenkritik. Er trennt sorgfältig zwischen Legende und historisch Wahrscheinlichem. Als gesichert gelten ihm vor allem zwei Tatsachen: dass bereits im 15. Jahrhundert ein hochverehrtes Marienbild in Fürstenau vorhanden war und dass sich daraus eine bis in seine Zeit lebendige Wallfahrt entwickelte.

Besonders eindrucksvoll schildert Brandner diese Prozessionen. Alljährlich, am Sonntag nach Mariä Heimsuchung, kamen katholische Pilger aus Schönwald, Streckenwald, Ebersdorf, Mücklitz und weiteren böhmischen Dörfern über den Erzgebirgskamm nach Fürstenau. Unter Führung eines Vorbeters zogen sie singend zur Kirche, verrichteten ihre Andacht vor dem Marienaltar und kehrten anschließend wiederum singend in ihre Heimat zurück. Dass katholische Wallfahrer regelmäßig eine evangelische Kirche auf sächsischem Gebiet aufsuchten, ist ein eindrucksvolles Zeugnis der besonderen religiösen Verhältnisse dieser Grenzregion. Selbst wiederholte obrigkeitliche Verbote konnten diese Tradition über lange Zeit nicht beenden.

Mit dieser Geschichte ist auch Vorderzinnwald untrennbar verbunden.

Die Beziehung begann lange bevor dort eine eigene Kirche entstand. Im Anhang seines Werkes veröffentlicht Brandner eine bemerkenswerte Urkunde aus dem Jahr 1614. Sie trägt die Überschrift: „Gesuch der Vorderzinnwälder, um Aufnahme in die Kirchengemeinde zu Fürstenau (waren früher nach Geißing eingepfarrt).“ Daraus geht hervor, dass die Bewohner Vorderzinnwalds bis dahin zur Pfarrei Geißing gehörten und zu Pfingsten 1614 darum baten, künftig nach Fürstenau eingepfarrt zu werden. Der Vertrag regelt bis ins kleinste Detail ihre Rechte und Pflichten: Abgaben an Pfarrer und Schulmeister, Krankenkommunion, Taufen, Begräbnisse und den Unterhalt kirchlicher Gebäude. Am Ende werden sogar die ersten aufgenommenen Familien namentlich genannt. Diese Urkunde zählt zu den ältesten zusammenhängenden Quellen zur Geschichte Vorderzinnwalds.

Mehr als ein Jahrhundert später veränderte sich die Situation erneut. Der beschwerliche Weg über den Erzgebirgskamm machte den Wunsch nach einer eigenen Kirche immer größer. Mit einem Oberkonsistorialreskript vom 8. Januar 1749 wurde der Bau einer Kirche in Vorderzinnwald genehmigt. Als Ausgleich für den Verlust ihrer Gemeindeglieder erhielt die Kirche in Fürstenau jährlich fünf Taler. Die neue Kirche wurde 1751 eingeweiht; mit der endgültigen kirchenrechtlichen Neuordnung der Pfarrverhältnisse im Jahr 1752 endete die mehr als hundertdreißigjährige Zugehörigkeit Vorderzinnwalds zur Fürstenauer Kirchgemeinde.

Doch ihre gemeinsame Geschichte war damit keineswegs abgeschlossen.

Als die mittelalterliche Kirche in Fürstenau zwischen 1885 und 1887 durch den heutigen Neubau ersetzt wurde, fand der spätgotische Marienaltar darin keinen geeigneten Platz mehr. Statt ihn einzulagern oder zu veräußern, entschied man sich zu einem ungewöhnlichen Schritt: Der Altar wurde 1887 in die Marienkapelle nach Vorderzinnwald übertragen. Damit kehrte gewissermaßen ein Teil der alten gemeinsamen Geschichte an den Ort zurück, dessen Bewohner über Generationen zur Fürstenauer Kirche gehört hatten.


Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm diese Geschichte eine tragische Wendung. Mit der Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung verschwand Vorderzinnwald als gewachsene Gemeinde. Die Marienkapelle wurde Anfang der fünfziger Jahre abgebrochen. Der kostbare Altar konnte jedoch gerettet werden und gelangte schließlich in das Regionalmuseum von Teplice, wo er sich bis heute befindet.

Lange schien damit die Geschichte der Fürstenauer Madonna abgeschlossen.

Doch im Jahr 2022 erhielt sie ein überraschendes neues Kapitel. Im Rahmen eines grenzüberschreitenden Projekts der Euroregion Elbe/Labe schufen tschechische Glaskünstler eine gläserne Nachbildung der ursprünglichen Marienfigur. Grundlage war ein hochauflösender 3D-Scan des Originals – derselbe Datensatz, der auch für die digitale Rekonstruktion der ehemaligen Marienkapelle in Vorderzinnwald verwendet wurde. Die Glasmadonna ist deshalb weit mehr als eine moderne Kopie. Sie verbindet Denkmalpflege, digitale Rekonstruktion und zeitgenössische Glaskunst zu einem gemeinsamen Erinnerungsprojekt über Grenzen hinweg.

Vielleicht liegt gerade darin ihre eigentliche Bedeutung.

Die Glasmadonna versucht nicht, das verlorene Original zu ersetzen. Vielmehr erzählt sie dessen außergewöhnliche Geschichte. Entstanden als Teil eines spätgotischen Altars, über Jahrhunderte Ziel unzähliger Wallfahrer in Fürstenau, später Mittelpunkt der Marienkapelle in Vorderzinnwald, nach Krieg und Vertreibung gerettet und schließlich im Museum von Teplice bewahrt – all diese Stationen spiegeln sich heute in der transparenten Figur wider. Das Licht, das durch das Glas fällt, scheint Vergangenheit und Gegenwart miteinander zu verbinden.


So steht die Kirche von Fürstenau heute nicht nur als Gotteshaus eines kleinen Erzgebirgsdorfes. Sie ist das steinerne Gedächtnis einer ganzen Grenzregion. Über Jahrhunderte hinweg kamen hier Menschen aus Sachsen und Böhmen zusammen. Grenzen verschoben sich, Herrschaften wechselten, Dörfer entstanden und verschwanden, doch die Erinnerung blieb lebendig. Die Geschichte der Fürstenauer Madonna spiegelt diese Entwicklung auf eindrucksvolle Weise wider: vom spätgotischen Altar der Wallfahrtskirche über die Marienkapelle in Vorderzinnwald und das Regionalmuseum in Teplice bis hin zur gläsernen Madonna, die heute wieder in Fürstenau steht.

Sie erinnert nicht nur an ein bedeutendes Kunstwerk, sondern an dessen ganze Lebensgeschichte. So schlägt sie Brücken zwischen Fürstenau und Vorderzinnwald, zwischen Sachsen und Böhmen und zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Vielleicht ist gerade das ihre schönste Botschaft: Nicht alles, was verloren scheint, geht wirklich verloren. Manches kehrt auf neue Weise zurück – und erzählt seine Geschichte weiter.


(in Zusammenarbeit mit Herrn Clarus)



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1.Mose 45,24



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