Eine Kirche, die älter ist als sie aussieht
Manchmal verrät eine Dorfkirche ihre Geschichte nicht auf den ersten Blick. Die Ruppendorfer gehört zu dieser Sorte. Wer über den kleinen Gottesacker auf sie zugeht, sieht zunächst einen ausgesprochen schlichten Bau: weiß verputzte Mauern, ein mächtiges rotes Satteldach und darauf, beinahe etwas keck, der verschieferte Dachreiter mit Uhr und schlanker Haube. Kein gewaltiger Turm, keine Strebepfeilerparade, kein steinernes Pathos. Eine Dorfkirche eben.
Und doch stimmt dieser erste Eindruck nicht ganz.
Denn die Kirche von Ruppendorf ist ein Gebäude, das seine Vorgängerin gewissermaßen in sich trägt.
Die heutige Gestalt geht wesentlich auf das Jahr 1674 zurück. Diese Jahreszahl begegnet auch am Eingangsbereich und könnte einen zunächst glauben lassen, hier stehe eine Kirche des späten 17. Jahrhunderts. Tatsächlich reicht die Geschichte des Gotteshauses jedoch erheblich weiter zurück. Die Kirchgemeinde selbst setzt einen ersten Kirchenbau vermutlich bereits ins 13. Jahrhundert; als ältestes erhaltenes Bauteil gilt das Rundbogenportal.
Und genau dieses Portal lohnt einen zweiten Blick.
An der Nordseite sitzt heute ein eigentümlicher steinerner Eingangsvorbau. Hinter beziehungsweise innerhalb dieser späteren baulichen Fassung steckt ein rundbogiges Portal, das nach der baugeschichtlichen Einordnung noch aus dem 13. Jahrhundert stammen soll.
Damit stehen wir vor einem jener wunderbaren Fälle, bei denen ein unscheinbares Stück Mauerwerk plötzlich die gesamte Chronologie eines Gebäudes durcheinanderbringt: Das Portal ist viele Jahrhunderte älter als der Bau, in dem es heute steckt.
Streng genommen würde ich dabei lieber vom romanischen beziehungsweise spätromanischen Rundbogenportal sprechen als einfach vom „romanischen Eingangsportal“. Die Datierung ins 13. Jahrhundert wird von den örtlichen und kirchlichen Quellen vertreten; eine genaue kunsthistorische Datierung des Werkstücks wäre noch gesondert zu prüfen. Aber gerade der Rundbogen und die massive, schmuckarme Ausbildung sprechen die Sprache eines wesentlich älteren Kirchenbaus.
Feuer und Neubau
Von diesem mittelalterlichen Gotteshaus blieb nicht alles bestehen. Am 27. April 1639, mitten im Dreißigjährigen Krieg, wurde Ruppendorf schwer getroffen. Die ältere Kirche wurde beschädigt; Teile des Chores und der südlichen Außenwand sollen die Zerstörung überstanden haben.
Erst Jahrzehnte später kam der große Schnitt.
1674 entschloss man sich zu einem weitgehenden Neubau. Die Ortschronik überliefert dazu erstaunlich genaue Angaben: Nach Ostern wurde die alte Kirche abgetragen, am 30. April der neue Grund gelegt, am 13. Juli bereits Dach und Turm gehoben und am 1. August die Glocken wieder aufgehängt. Am 12. Oktober 1674 konnte der erste Gottesdienst im neuen Gotteshaus gefeiert werden.
Das ist bemerkenswert: Innerhalb eines guten halben Jahres entstand im Wesentlichen jener Baukörper, vor dem wir heute stehen.
Dabei wurde nicht einfach auf grüner Wiese neu gebaut. Man bezog offenbar Teile des Vorgängerbaus ein und bewahrte mit dem alten Rundbogenportal sogar ein Stück der mittelalterlichen Kirche. So erklärt sich auch die vielschichtige Baugeschichte: mittelalterliche Bausubstanz und der weitgehende Neu- bzw. Umbau von 1674 liegen hier unmittelbar nebeneinander.
Der Neubau wurde gegenüber seinem Vorgänger vergrößert und erhöht. Heraus kam der bis heute bestimmende rechteckige Saalbau mit seinem hohen Satteldach. Statt eines massiven Westturmes trägt die Kirche ihren Glockenturm als Dachreiter über dem Dach. Bei Arbeiten von 1831 erhielt dieser einen vergoldeten Turmknopf und eine Uhr mit drei Zifferblättern. Die ältere Sakristei wiederum wich 1911 dem heutigen Anbau.
Und so steht man heute auf dem Ruppendorfer Kirchhof vor einem Bau, der zunächst erstaunlich einheitlich wirkt. Erst beim genaueren Hinsehen beginnt er, seine verschiedenen Lebensalter zu zeigen.
Das rote Dach und der Dachreiter erzählen von der nachreformatorischen Dorfkirche. Die Mauerzüge bewahren Teile älterer Bauphasen. Und am Eingang sitzt noch immer jener Rundbogen, durch den möglicherweise schon Ruppendorfer des 13. Jahrhunderts ihre Kirche betraten.
Das gefällt mir besonders an solchen Dorfkirchen: Sie müssen nicht monumental sein, um Geschichte zu tragen.
Manchmal genügt eine alte Tür.
Und durch die gehen wir bei der nächsten Etappe unserer #kirchensafari hinein – denn dort warten ein Taufstein von 1529 und ein spätgotischer Altar, bei dem Ruppendorf endgültig aufhört, eine „ganz gewöhnliche Dorfkirche“ zu sein.
Treten wir ein
~~~
Du sprachst: Ich bin unschuldig; der HERR hat ja doch seinen Zorn von mir gewandt. Siehe, ich will dich richten, weil du sprichst: Ich habe nicht gesündigt.
Jeremia 2,35
~~~
~~~



