Dorfkirche Seifersdorf – Der Innenraum

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Kirche Seifersdorf – Der Innenraum


Wer die Kirche von Seifersdorf betritt, erlebt zunächst einen eigentümlichen, beinahe überraschenden Gegensatz. Von außen wirkt der Bau zurückhaltend, fast schmucklos. Im Inneren aber öffnet sich ein heller, weitgehend barock geprägter Raum, in dem sich dennoch zahlreiche Spuren der mittelalterlichen Kirche erhalten haben. Gerade dieses Nebeneinander verschiedener Zeiten macht den besonderen Reiz aus: Spätgotik, Renaissance und Barock stehen hier nicht unvermittelt gegeneinander, sondern sind über Jahrhunderte zu einem gewachsenen Ganzen geworden.
Der heutige Raumeindruck entstand vor allem im 18. Jahrhundert. Das einschiffige Langhaus ist von einer flachen, stuckierten Decke überspannt, deren geschwungene Rahmungen den Raum gliedern, ohne ihn zu überladen. Im Zentrum erscheint das Auge Gottes im Strahlenkranz, von Wolken umgeben. Die hohen Fenster lassen reichlich Licht herein und geben dem Inneren jene Helligkeit, die bereits die ältere Kirchengalerie ausdrücklich hervorhob. Emporen ziehen sich an den Seiten entlang und erinnern daran, dass die Kirche einst für eine größere Parochie bestimmt war, zu der neben Seifersdorf auch die umliegenden Orte gehörten.

Trotz dieser barocken Raumfassung richtet sich der Blick sofort auf den großen Flügelaltar im Chor. Er ist das bedeutendste Kunstwerk der Kirche und zugleich ihr stärkstes Zeugnis aus vorreformatorischer Zeit.
Das Altarwerk entstand im Jahre 1518. Steche betonte ausdrücklich diese Jahreszahl – nicht 1519, wie offenbar schon zu seiner Zeit mitunter angegeben wurde. Der Altar verbindet noch die Formen der ausklingenden Gotik mit ersten Anklängen der Renaissance. Spitzbögen, durchbrochenes Maßwerk, schlanke Stäbe und ein reiches Gesprenge bestimmen den Aufbau; zugleich wirken einzelne Figuren und Gemälde bereits freier und erzählerischer als in älteren spätgotischen Werken.

Im Mittelschrein steht der heilige Nikolaus als Bischof. Er trägt Mitra und Bischofsstab und hält ein Buch, auf dem mehrere runde Gegenstände liegen. Steche deutete sie als Steine oder Brote, analog zu ähnlichen Darstellungen des heiligen Liborius. Der Heilige ist zudem eindeutig bezeichnet: Auf seinem Nimbus steht Sanctus Nicolaus Episcopus, auf dem Saum seines Gewandes eine weitere Anrufung des heiligen Nikolaus. Die zentrale Stellung dieser Figur ist ein starkes Indiz dafür, dass Nikolaus einst der Patron der mittelalterlichen Kirche gewesen sein dürfte, auch wenn das Patrozinium heute nicht mehr im Namen der Kirche fortlebt.


Zu seiner Linken steht der Evangelist Johannes, ebenfalls durch eine Inschrift am Heiligenschein und am Gewandsaum bezeichnet. Rechts erscheint Jakobus der Ältere. Die drei Figuren sind lebendig aufgefasst, reich vergoldet und farbig gefasst. Besonders auffällig ist ihre ruhige, fast nachdenkliche Haltung. Sie stehen nicht isoliert nebeneinander, sondern bilden eine feierliche Gemeinschaft um den heiligen Bischof in der Mitte.

Die geöffneten Flügel zeigen je zwei übereinander angeordnete Gemälde. Links oben ist der Tod der Jungfrau Maria dargestellt. Zu ihren Füßen liegt die aufgeschlagene Bibel; um sie versammeln sich die Apostel, unter ihnen Petrus und Paulus. Rechts oben erscheint das Martyrium einer Gruppe von Heiligen, die auf zugespitzte Pfähle gestürzt werden. Steche meinte sogar, in einem der Köpfe eine auffallende Ähnlichkeit mit Martin Luther zu erkennen – eine Beobachtung, die heute eher als zeittypische physiognomische Assoziation denn als bewusste Darstellung verstanden werden sollte.

Darunter findet sich rechts eine anmutige Gruppe mit Maria und dem Kind sowie einer älteren Frau, möglicherweise Elisabeth oder Anna. Die gegenüberliegenden Szenen und die Darstellungen auf den Außenseiten der Flügel entfalten ein weitgespanntes Programm aus Marienleben, Kindheitsgeschichte Christi, Heiligenlegenden und Martyrium. Genannt werden unter anderem die Anbetung der Könige, die Verkündigung, die Himmelfahrt Mariens, Christus im Tempel und der heilige Christophorus. Manche Szenen sind heute nur bei geschlossenen Flügeln sichtbar und entziehen sich damit dem alltäglichen Blick des Besuchers.

Unter dem Mittelschrein befindet sich die Predella. In ihrer Mitte erscheint der heilige Martin zu Pferd, der seinen Mantel mit dem Bettler teilt. Auf der linken Tafel ist nach Steche die Tötung des heiligen Papstes Sixtus – von ihm selbst mit einem Fragezeichen versehen – durch das Schwert dargestellt. Die rechte Tafel zeigt den heiligen Antonius, der vor dem Gekreuzigten kniet. Die Verbindung von Nikolaus im Schrein und Martin in der Predella ist bemerkenswert: Zwei der volkstümlichsten Heiligen des Mittelalters begegnen hier in einem Altar, dessen gesamtes Programm auf tätige Nächstenliebe, Fürsprache, Leidensnachfolge und christliches Zeugnis ausgerichtet ist.

Über dem Schrein erhebt sich das weit ausgreifende Gesprenge. In seiner Mitte steht Maria mit dem Jesuskind. Seitlich begleiten sie zwei weibliche Heilige. Steche bezeichnete die linke Figur als gekrönte Elisabeth mit einem Korb. Bei der rechten vermutete er aufgrund eines möglicherweise ehemals vorhandenen Schwertes Katharina, Barbara oder Dorothea, ohne sich endgültig festzulegen. Den oberen Abschluss bildet der gekreuzigte Christus. So entsteht eine klare senkrechte Bildachse: Nikolaus im Mittelschrein, darüber Maria mit dem Kind und schließlich Christus am Kreuz.

Steche verglich den Seifersdorfer Altar mit dem ehemals in der Nikolaikirche zu Dippoldiswalde befindlichen Altarwerk. Die architektonische und ornamentale Behandlung stimme bis in Einzelheiten überein. Für ihn stand deshalb außer Zweifel, dass beide Werke aus derselben Werkstatt hervorgegangen seien. Trotz mancher handwerklicher Unregelmäßigkeit zählte er den Seifersdorfer Altar zu den bemerkenswertesten Werken seiner Art aus dem frühen 16. Jahrhundert in Sachsen.

Rechts vom Chor steht die reich gegliederte Renaissancekanzel, die wohl um 1600 entstand und den Raum in die Zeit nach der Reformation führt. Der polygonale Kanzelkorb ist mit Evangelistendarstellungen versehen. Auf dem von uns sichtbaren Feld erscheint Markus, dessen Name als S. Marcus angegeben ist. Die übrigen Seiten dürften den Evangelisten Matthäus, Lukas und Johannes vorbehalten sein. Über dem Korb erhebt sich ein mehrgeschossiger Schalldeckel. An seiner Unterseite schwebt die Taube des Heiligen Geistes – ein sinnfälliges Zeichen dafür, dass die Verkündigung des Wortes unter göttlicher Leitung stehen soll.

Am Schalldeckel ist ein Teil einer Inschrift erhalten. Das erkennbare „… schäme nicht …“ dürfte auf den Vers aus dem Römerbrief verweisen:

„Ich schäme mich des Evangeliums von Christo nicht.“

Die Kanzel bildet damit den protestantischen Gegenpol zum mittelalterlichen Altar. Der Altar verkörpert die überlieferte Bilderwelt der alten Kirche, die Kanzel das lutherische Gewicht des verkündigten Wortes. In Seifersdorf wurden beide nicht gegeneinander ausgespielt, sondern blieben nebeneinander bestehen.

Ebenfalls aus dem 18. Jahrhundert stammt der Taufstein. Steche beschreibt den steinernen Unterbau als Sandsteinarbeit mit „alterthümelnder gothischer Behandlung“. Tatsächlich greift der achteckige Aufbau gotische Formen auf, ohne selbst mittelalterlich zu sein. Schildartige Felder, geometrische Motive und maßwerkähnliche Ornamente verleihen ihm eine bewusst altertümliche Erscheinung.

Über diesem steinernen Unterbau sitzt die farbig gefasste hölzerne Kuppa, die Steche als spätbarock bezeichnet und die Jahreszahl 1743 trägt. Ihre geschwungenen Rippen, Akanthusblätter, Blüten, Fruchtgehänge und der bekrönende Früchtekorb gehören ganz in die Formenwelt des Spätbarock. Eine große Zinnschüssel wurde laut Steche 1793 gestiftet.

Der Taufstein ist damit ein besonders schönes Beispiel dafür, wie das 18. Jahrhundert ältere Formensprachen aufgriff und neu deutete. Der gotisierende Sandsteinunterbau vermittelt den Eindruck ehrwürdigen Alters, während die hölzerne Kuppa unverkennbar barocke Formenfreude entfaltet. Inmitten des mittelalterlichen Altars, der Renaissancekanzel und der barocken Raumfassung übernimmt die Taufe damit eine vermittelnde Rolle.

Besonders kostbar sind die noch erhaltenen Wandmalereien. An einer Wand befindet sich eine Kreuzigungsdarstellung, wohl aus dem 15. Jahrhundert. Christus hängt am Kreuz, begleitet von zwei kleineren Figuren. Die Malerei ist nur fragmentarisch erhalten, doch die roten, gelben und schwarzen Konturen lassen ihre ursprüngliche Wirkung noch erahnen. Ob die seitlichen Figuren tatsächlich eindeutig als Longinus und Stephaton zu bestimmen sind, sollte nach genauerer Prüfung offenbleiben; sicher ist jedoch, dass es sich um eine spätmittelalterliche Passionsdarstellung handelt.

Eine weitere Wandmalerei mit Maria und dem Jesuskind soll sich im Bereich der Empore erhalten haben. Da dieser Teil bei unserem Besuch nicht zugänglich war, muss ihre genaue Gestalt zunächst der nächsten Kirchensafari vorbehalten bleiben. Allein ihre Existenz zeigt jedoch, dass die Kirche im Spätmittelalter nicht nur mit dem großen Altar, sondern auch mit einer umfangreicheren Wandfassung ausgestattet war.

Unmittelbar am Südportal befindet sich außerdem eine kleine Mauernische, die wohl auf den älteren Kirchenbau zurückgeht. Ihre ursprüngliche Funktion ist noch nicht sicher geklärt; aufgrund der Lage am Eingang könnte es sich eher um eine Weihwassernische als um eine liturgische Piscina gehandelt haben. Um die Nische haben sich Reste einer späteren ornamentalen Bemalung und einer kaum noch lesbaren Inschrift erhalten. Diese Fassung dürfte einer frühneuzeitlichen oder barocken Erneuerung angehören. Auch hier liegt eine jener kleinen, bislang nicht vollständig entschlüsselten Spuren vor, die einen erneuten Besuch lohnend machen.

So ist der Innenraum der Kirche Seifersdorf kein einheitlich komponiertes Kunstwerk einer einzigen Epoche. Er gleicht vielmehr einem historischen Gedächtnis. Der spätgotische Nikolausaltar bewahrt die Bilderwelt des Mittelalters, die Renaissancekanzel führt in die lutherische Zeit, der Taufstein verbindet barocke Formfreude mit einer bewussten Erinnerung an die Gotik, während Wandmalereien und Mauernischen noch weiter zurückreichen.

Gerade darin liegt die besondere Wirkung dieses Raumes. Nichts scheint hier völlig neu begonnen worden zu sein. Jede Generation hat verändert, ergänzt und überformt – aber vieles von dem, was zuvor da war, zugleich bewahrt. Der Innenraum von Seifersdorf erzählt deshalb weniger von kunstgeschichtlichen Brüchen als von einer erstaunlichen Kontinuität. Mittelalterliche Heilige, reformatorische Predigt und barocke Raumgestaltung stehen bis heute gemeinsam unter dem Auge Gottes an der Decke.



(in Zusammenarbeit mit Herrn Clarus)






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Gott hat Jesus Christus erhöht und ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie,
die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.
Philipper 2,9-11



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