Klüschen Hagis




kirchensafari – Klüschen Hagis und das alte Marienbild

Der Weg hinunter ins Tal der Rosoppe ist an diesem Nachmittag kein stiller Spaziergang. Der Wind fährt unruhig durch die Bäume, und über den Höhen ziehen Wolken mit erstaunlicher Geschwindigkeit. Man spürt, dass irgendwo über den bewaldeten Hängen die Burg Gleichenstein steht, auch wenn sie selbst nicht zu sehen ist.

Das Tal wirkt enger, dunkler, bewegter.

Zwischen den Stämmen erscheint schließlich die kleine Wallfahrtskirche von Klüschen Hagis. Sie steht ruhig über dem Weg, mit ihrer hellen Fassade und dem kleinen Dachreiter, als gehöre sie seit jeher zu diesem Tal.


Kein Mensch ist da.

Der Platz vor der Kirche ist leer. Der Wind raschelt im Laub, und die Wolken schieben immer neue Schatten über das Gebäude. Es ist einer dieser Momente, in denen ein Wallfahrtsort ganz anders wirkt als an seinen großen Festtagen.


Die Tür steht offen.

Im Inneren wird es sofort still. Das Geräusch des Windes bleibt draußen zurück, und der Raum empfängt den Besucher mit einer überraschenden Helligkeit. Die hohen Fenster lassen ein milchiges Licht herein, das über Gewölbe und Wände gleitet.

Die Bänke stehen in ruhigen Reihen.

Der Blick geht automatisch nach vorn zum Altar.


Dort, in einer vergoldeten Nische, befindet sich das eigentliche Herz dieses Ortes: das Marienbild von Klüschen Hagis.

Es ist eine Pietà – die schmerzhafte Muttergottes mit dem toten Christus auf dem Schoß.

Maria hält den leblosen Körper ihres Sohnes auf den Knien. Ihr Kopf ist leicht geneigt, das Gesicht ruhig, fast gesammelt. Es ist kein dramatischer Ausdruck des Schmerzes, sondern eine stille, tiefe Trauer.


Solche Darstellungen nennt man in der Kunstgeschichte Vesperbilder. Sie entstanden im deutschen Raum besonders im späten Mittelalter und gehörten zu den eindrucksvollsten Bildern der Volksfrömmigkeit.

Die Pietà von Klüschen Hagis gilt nach kunsthistorischer Einschätzung sogar als deutlich älter als die heutige Kirche. Ihr Ursprung wird häufig ins 13. Jahrhundert datiert.

Wenn das stimmt, dann ist diese kleine Figur der älteste Zeuge dieses Ortes.

Jahrhunderte bevor die heutige Kapelle im Rosoppe-Tal entstand, muss dieses Bild bereits existiert haben.

Mit dem Bild verbindet sich auch die Legende, aus der die Wallfahrt hervorging. Sie erzählt, dass ein Schäfer oder Bauer die Figur eines Tages zufällig im Gras gefunden habe. Lichtstrahlen hätten den Ort erhellt und seine Aufmerksamkeit auf das Marienbild gelenkt.
Man brachte die Figur daraufhin in die Pfarrkirche. Doch dort blieb sie nicht. Mehrfach soll das Bild auf wundersame Weise wieder an die Stelle zurückgekehrt sein, an der es gefunden worden war. Für die Menschen jener Zeit war das ein eindeutiges Zeichen: Die Muttergottes selbst habe diesen Ort ausgewählt.

Also errichtete man hier eine Kapelle.

Die Überlieferung berichtet außerdem von einer Quelle, die an der Fundstelle entsprungen sei – dem sogenannten Klüschenborn. Ihr Wasser galt lange Zeit als heilkräftig, und Pilger tranken daraus oder nahmen es mit nach Hause.

Solche Verbindungen von Gnadenbild, Quelle und Wallfahrt sind im mittelalterlichen Europa keineswegs selten. Doch gerade an einem abgelegenen Ort wie diesem entfalten sie eine besondere Wirkung.

Vielleicht lag hier ursprünglich nur eine kleine Klause – ein bescheidener Bau, betreut von einem Einsiedler, der die Kapelle versorgte und die Pilger empfing.

Der heutige Kirchenbau ist später entstanden. Doch das Bild blieb.

Man sitzt eine Weile in der Bankreihe und betrachtet die Pietà.

Wenn ihre Datierung wirklich ins 13. Jahrhundert reicht, dann hat diese Figur eine erstaunliche Geschichte erlebt: das Mittelalter, die Reformationszeit, den Dreißigjährigen Krieg, die Veränderungen der Neuzeit und sogar die Jahrzehnte der DDR.

Und dennoch steht sie heute noch hier, im kleinen Altar der Waldkirche von Klüschen Hagis.

Draußen fährt wieder eine Böe durch die Bäume. Für einen Moment rauscht der Wind an den Fenstern vorbei, und das Licht verändert sich erneut.

Die Wolken ziehen schnell über den Himmel.

Doch im Inneren der Kapelle bleibt alles ruhig.

Maria hält den toten Christus auf dem Schoß, so wie sie es seit Jahrhunderten tut.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum Menschen hierher kommen: weil dieses Bild etwas zeigt, das sich nicht verändert – den Trost einer Mutter, die das menschliche Leid kennt.

Nach einer Weile steht man wieder auf und tritt hinaus in den Wind.
Die Wolken jagen weiter über das Tal der Rosoppe, und der Weg verliert sich zwischen den Bäumen. Die kleine Kirche bleibt zurück – still, unscheinbar, beinahe verborgen.

Doch im Inneren bewahrt sie ein Bild, das wahrscheinlich älter ist als alles ringsum.

Und vielleicht ist es gerade dieses alte Marienbild, das diesem stillen Ort seit Jahrhunderten seine besondere Kraft verleiht.


(in Zusammenarbeit mit Herrn Clarus)




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Ich will den HERRN loben allezeit; sein Lob soll immerdar in meinem Munde sein.
Psalm 34,2



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