sühnekreuz
Ich erinnere mich noch gut an die alte Betsäule am Ortseingang von Sadisdorf nach Obercarsdorf.
Nicht groß war sie, nicht prächtig — und doch blieb der Blick immer an ihr hängen. Wer den Weg durchs Osterzgebirge nahm, sah sie stehen: dem Wetter ausgesetzt, dunkel geworden von Regen, Schnee und Jahrhunderten.
An warmen Sommertagen lag Staub auf ihrem Sockel. Im Herbst sammelte sich nasses Laub darum. Im Winter stand sie still zwischen Schneewehen und kahlen Bäumen, während Fuhrwerke und später Automobile an ihr vorüberzogen. Viele werden achtlos vorbeigegangen sein. Andere mögen unwillkürlich den Hut gezogen oder ein stilles Gebet gesprochen haben.
Damals ahnte ich noch nicht, welch kostbarer Stein dort am Weg stand.
Heute steht der Betsäulenkopf geschützt im Inneren der Kirche St. Gallus zu Sadisdorf — und ich gestehe, daß mich seine Bewahrung beinahe froh macht wie die Rettung eines alten Weggefährten.
Erst aus der Nähe erkennt man den Reichtum seiner vier Seiten.
Da ist die Kreuzigung Christi, tief verdunkelt vom Wetter der Jahrhunderte. Die Figuren wirken beinahe geisterhaft aus dem Stein hervortretend. Maria und Johannes stehen unter dem Kreuz, schlicht und still, ohne jede große Gebärde. Gerade diese Einfachheit macht die Darstellung so eindringlich.
Auf einer anderen Seite begegnet uns Christus als Schmerzensmann — mager, verwundet und doch aufrecht. In den Händen hält er die Geißelruten und die Werkzeuge seines Leidens. Kaum eine Figur könnte mittelalterliche Frömmigkeit deutlicher ausdrücken als dieser stille, leidende Christus am Wegesrand.
Besonders berührend aber erscheint mir die Darstellung der betenden Gestalt mit dem Kelch. Vielleicht kniet hier ein Stifter, vielleicht ein Pilger oder ein frommer Beter. Hinter ihm erhebt sich der Kelch beinahe wie ein Zeichen der Hoffnung. Gerade an einem alten Weg muß dieses Bild viele Menschen angesprochen haben, die mit Sorgen, Krankheit oder Müdigkeit unterwegs waren.
Und selbst die verwitterten Reliefseiten, die heute nur noch schwer zu deuten sind, besitzen ihre eigene Kraft. Der Stein trägt die Zeit sichtbar auf seiner Oberfläche. Wind und Regen haben ihn nicht zerstört — sie haben ihn gezeichnet.
Vielleicht liegt gerade darin seine eigentliche Schönheit.
Denn dieser Betsäulenkopf ist kein museal glattes Kunstwerk.
Er ist ein Stück gelebter Landschaft.
Ein Stein, der Jahrhunderte unter freiem Himmel verbrachte und dennoch bewahrt wurde.
Wenn man heute in der stillen Kirche von Sadisdorf vor ihm steht, hört man beinahe noch die alten Wege draußen:
Pferdehufe auf nassem Boden,
das Knarren eines Wagens,
Wind über den Höhen des Erzgebirges,
und einen Wanderer, der am Ortsrand kurz innehält und zum verwitterten Christus aufblickt.
(in Zusammenarbeit mit Herrn Clarus)
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