Gorknitz

Gorknitz – ein kleines dorf das heute zur ortschaft röhrsdorf gehört. auch da gibt es steinkreuze zu finden. hier ein bild mit blick auf das benachbarte gamig mit seinem gut.
das kreuz steht an der strasse die nach osten aus dem dorf in richtung von ebenjenem gamig und dann weiter ins müglitztal führt. verschlossen hinter einem tor einer apfelplantage (welches jedoch meist offen steht).

im kopf ist ein kreuz eingemeiselt (darüber war wohl mal noch ein zweites?) und oben einige rillen – vielleicht wurden wieder sensen daran geschärft.

über geschichte, aufstellungsgrund oder damit verbundene sagen habe ich nichts gefunden. nur einen bericht aus dem jahr 1921 über die hebung des bis zu den armen eingesunkenen kreuzes im frühjahr desselben jahres.

“Schon seit Jahren suche ich aus unseren Wanderungen mit großem Interesse die alten Mord- und
Sühnekreuze auf, welche dann – durch eine Skizze oder photographisch festgehalten – unser Tourenalbum zieren. Zum Aufsuchen derselben dienten mir bisher die in den Jahren 1912/13 von Herrn Dr. Kuhfahl herausgegebenen und im Dresdner Anzeiger seiner Zeit erschienenen Verzeichnisse über “Die Mordkreuze in Sachsen”:
Sonntagsbeilage des Dresdner Anzeigers vom 7.4.1912, Nummer 14
Sonntagsbeilage des Dresdner Anzeigers vom 23.3.1913, Nummer 12
Sonntagsbeilage des Dresdner Anzeigers vom 26.10.1913, Nummer 43
Auf einer Wanderung im Frühjahr vergangenen Jahres nach Dohna und Maxen suchte ich an der Hand dieser Verzeichnisse die beiden Kreuze in Gorknitz mit auf. Bei der Besichtigung des hundertzwanzig Meter vor dem östlichen Dorfausgange, am Fahrweg nach Rittergut Gamig zu gelegenen Steinkreuzes (Verzeichnis vom 7. April 1912, Nummer 14) war mir aufgefallen, daß dieses bis zu den Seitenarmen in der Erde stak, obwohl im Verzeichnis steht: “Neuerdings ausgegraben”. Sofort reifte in mir der Plan, mit Hilfe meiner Klubgenossen dieses Kreuz zu heben. Ich ging persönlich zu Herrn Dr. Kuhfahl, um ihn von meinem Vorhaben in Kenntnis zu setzen. Wie er mir erklärte, hatte sich seiner Zeit trotz eifrigen Bemühens niemand dazu bereit gefunden, dieses Kreuz zu heben, und später infolge des Krieges ist wohl alles in Vergessenheit geraten. – Auch meine Klubgenossen, die ja fast alle Heimatschützler sind, brachten dieser Sache reges Interesse entgegen und so wurde für Sonntag, den 4.Juli 1920, eine Wanderung dorthin festgesetzt. Die Genehmigung des Gemeindevorstandes, aus dem betreffenden Grundstücke graben zu dürfen, hatte ich mir vorher schriftlich eingeholt. Um unnötige Belastung auf dem Marsche zu vermeiden, bat ich gleichzeitig um Bereitstellung des benötigten Gerätes. In entgegenkommendster Weise erhielten wir alles Gewünschte.

Am genannten Sonntagmorgen hatten sich sechs Teilnehmer zu dieser Wanderung beziehungsweise zur Hebung des Steinkreuzes am Treffpunkt eingefunden. Darunter auch ein Maurer, der sich noch das nötige eigene Handwerkzeug mitgebracht hatte. Ein kleiner Sack Zement – von einem der Teilnehmer zu diesem Zweck gestiftet – mußte auch hinausgebracht werden. Er verschwand im Rucksack eines jungen Mannes, der ihn schweißtriefend an Ort und Stelle brachte. Bei herrlichem, sehr warmem Wetter ging die Wanderung von Reick über Lockwitz, Luga, Wölkau, Bosewitz nach Gorknitz. Strahlend blau wölbte sich der Himmel über den im Sonnenglanze reifenden Fluren. Wogende Getreide- und blühende Kartoffelfelder, die den bunten Kleeflächen an Schönheit nicht nachstanden, wechselten in buntem Mosaik. In den Wipfeln der Obstbäume da klingelten und piepsten die Meisen, da schlug der Fink und lockte die Goldammer und hoch über uns schmetterte die Lerche ihr Loblied. – So kamen wir, immer auf bunten Feld- und Wiesenwegen wandernd, unserm Ziele näher. Aber im Süden türmte sichs dunkelblau aus. Immer näher rollte der Donner, und noch ehe wir im Dorfe anlangten, öffneten sich die Schleusen des Himmels. Zum Glück war das erste Haus der Gasthof, wo wir hinein flüchteten.
Eineinhalb Stunden hat uns das Gewitter hier festgehalten, endlich gegen einhalb elf Uhr hört der Regen auf. Nun aber ans Werk! Zunächst zum Gemeindevorstand, um die erbetenen Geräte zu holen. Sehr freundlich wurden wir empfangen, alles Gewünschte stand schon bereit. Bei dieser Gelegenheit legte ich ihm eine Urkunde, die gleichfalls ein Heimatschützler geschickt und originell angefertigt hatte und welche nach der Hebung mit niedergelegt werden sollte, zur Unterschrift vor. Dieselbe soll bei einer eventuellen Veränderung an dieser Stelle beziehungsweise bei einer späteren Auffindung Aufschluß geben, wann, von wem und warum dieses Kreuz gehoben worden ist. In entgegenkommendster Weise versah der Gemeindevorstand das Dokument mit Siegel und Unterschrift, wie er überhaupt unserer Sache lebhaftes Interesse entgegenbrachte. Nachdem auch wir unsere Unterschriften geleistet hatten, zogen wir, jeder mit Rucksack und einem Gerät bewaffnet – einem Trupp Auswanderer gleich – hinaus zur Stelle, wo das alte Steinkreuz steht. Kopfschüttelnd sahen uns verschiedene Dorfbewohner, die nicht wußten, um was es sich hier handelte, nach: “Was mögen die wohl vorhaben?”
Dort angekommen, wurde das alte Steinkreuz, da es einige von uns noch nicht kannten, aus seine Form, Gesteinsart, Größe, Schwere und Inschriften oder Bildzeichen hin genau untersucht. In seiner unregelmäßigen Anordnung ähnelt es einem Balkenkreuz am meisten, doch läßt sich durch verschiedene abgestoßene Kanten, die verhältnismäßig kleinen und ungleichen Seitenarme im Vergleich zu dem viel stärkeren Oberteil, viele Vertiefungen, Risse und Furchen, schwer erkennen, ob es in seiner ursprünglichen Form erhalten geblieben ist, oder ob der Zahn der Zeit daran genagt hat. Obwohl von eisenhartem Sandstein, wird dieses Kreuz, besonders die Seitenarme, infolge seiner Lage am Feldwege durch passierende Fuhrwerke Beschädigungen erlitten haben. Seine übrigen Form- und Größenverhältnisse sind ja genau zu ersehen aus dem Werke von Dr. Kuhfahl, in welchem auch ein sehr schönes Bild wiedergegeben ist. Wir hielten es daher für zwecklos, eine Aufnahme des Kreuzes in seinem Urzustande zu machen. Sein Gewicht schätzten wir, so wie es vor uns stand, auf zirka sechs bis acht Zentner, hatten uns aber, wie wir uns später nach der völligen Ausgrabung überzeugen konnten, arg getäuscht. Inschriften oder sonstige Schriftzeichen waren nicht festzustellen. Auch läßt sich ein richtiges Bild einer eingemeißelten Zeichnung trotz vorhandener Striche und Einkerbungen sehr schwer herausfinden.
Nun ging es ans Ausgraben. In ziegelgroßen Stücken wurde erst die Rasendecke ausgestochen, die nach der Hebung wieder ausgelegt werden sollte. Als wir aber weiter schaufeln wollten, erlebten wir eine große Enttäuschung, die dünne Rasendecke war die ganze Erdschicht, dann stießen wir nur auf Plänergestein. Nur mit der Hacke konnte gearbeitet werden, und es war ein sehr schwieriges Stück Arbeit, die mitunter recht großen und fest gelagerten Plänerplatten los zu bekommen. Wie uns der Gemeindevorstand von Gorknitz, der inzwischen auch hierher gekommen war, erklärte, soll das zwischen den beiden Wegen gelegene Grundstück in früheren Zeiten von einer starken Plänermauer umgeben gewesen sein. Die beiden Wege aber waren seiner Zeit Hohlwege. Nun hat man wahrscheinlich diese beiden Hohlwege zuschütten beziehungsweise höher legen wollen, weshalb man die alte Plänermauer einfach in den Hohlweg hinabgedrückt hat. Das alte Kreuz aber, das vermutlich seiner Zeit schon auf beziehungsweise zum Teil in der Mauer eingemauert hier gestanden hat, ist stehen geblieben. Wie wäre es sonst möglich, daß dasselbe fast bis zu den Seitenarmen fest eingesenkt nur zwischen größeren und kleineren Plänerplatten sitzt?
Platte um Platte wurde losgewuchtet und langsam, aber sicher kamen wir tiefer. Wenn wir anfangs glaubten, das Kreuz säße so zirka dreißig bis vierzig Zentimeter in der Erde, so hatten wir uns auch hier gehörig getäuscht. Als wir einen halben Meter tief gehackt hatten, ließ sich dieser Koloß auch noch nicht einen Zentimeter bewegen, trotz aller Kraftanstrengung, die wir dabei aufwendeten. Es wurde weiter gehackt – bei dreiviertel Meter dasselbe Resultat. Das Kreuz saß in seinem Plänerfundament wie angewachsen. Jeder mußte mal mit der Hacke antreten, wir waren alle wie in Schweiß gebadet. Jetzt versuchten wir es auf eine andere Art. Unter den beiden Seitenarmen wurde je ein starker Hebebaum untergeschoben. Alle Beteiligten – selbst meine Frau und der Gemeindevorstand nebst Sohn stellten ihre Kräfte zur Verfügung – verteilten sich nach Größe und Stärke auf die beiden Seiten und hingen sich an das in die Höhe ragende Ende. Unter Kommando wurden die Hebebäume gleichmäßig niedergezogen und das Kreuz Zentimeter um Zentimeter in die Höhe gewuchtet. Auf diese Weise holten wir das Kreuz noch zirka fünfundzwanzig Zentimeter aus der Erde und sparten uns dadurch das letzte und schwerste Stück Hackarbeit. Jetzt erst bekamen wir einen rechten Begriff, wie tief das Kreuz in der Erde stak (einen Meter) und wie schwer dieser Koloß war.
Nun galt es das Kreuz zu heben und in seine richtige Lage zu bringen Infolge seines riesigen Gewichts – wir schätzten es auf zirka zehn bis zwölf Zentner – war das nur mit Hilfe der Hebebäume möglich. Wir verfuhren wie vorher. Ruckweise brachten wir es höher und immer schob der in der Grube stehende Maurer Platte um Platte unter und baute somit gleichzeitig das neue Fundament aus. Mit größter Mühe hatten wir das Kreuz neunzig Zentimeter gehoben, dann brachten wir es wieder in die alte Stellung. Die Grube wurde wieder zugeschüttet beziehungsweise zugebaut, denn die vielen Plänerplatten mußten sachgemäße Verwendung finden um alle untergebracht zu werden. Außerdem mußten, um den Raum auszufüllen, den vorher das Kreuz eingenommen hatte, eine Menge größere und kleinere Steine aus der Umgebung zusammengetragen werden.
Es gab viel zu tun. Jeder bekam seine Arbeit zugeteilt. Ich freute mich, wie uneigennützig hier jeder Beteiligte an dem großen Werke Heimatschutz mit arbeiten half. Während der Gemeindevorstand den “Polier” abgab, trugen dessen Sohn und meine Frau die nötigen Steine herbei. Ein andrer von uns mußte ins Dorf gehen und zwei Eimer Wasser holen, um den zur Verwendung kommenden Zement einrühren zu können. Dazu wurde auch noch Sand gebraucht. Solchen in dieser lehmigen Gegend aufzutreiben, war nicht so einfach. Diese Arbeit hatte ich mit noch einem Klubgenossen zu erledigen. Nach langem Suchen fanden wir endlich in der Spielgrube im Hofe des Bäckermeisters vorschriftsmäßigen Sand. Als wir den Bäckermeister darum baten, zwei “Pioniersäcke” voll mitnehmen zu dürfen, war es ihm nicht recht verständlich, was wir wohl damit anfangen wollten. Er stellte diese und jene Frage und als ich ihn über den Sachverhalt näher aufklärte, zeigte er langsam Interesse dafür. Ja, ich konnte nicht umhin, ihm einen kurzen Vortrag zu halten über die Steinkreuze in Sachsen und ihre Bedeutung. Als wir mit unserer Beute abzogen, sah er uns mit einem breiten Lächeln kopfschüttelnd nach.

Unterdessen hatten die anderen die Grube bis dorthin, wo gemauert werden sollte, wieder zugeschüttet; die größten und stärksten Platten hatte sich unser Maurer bis zuletzt aufgehoben. Mit reichlich Zement wurden diese oben aufgesetzt. Hierbei wurde ein kleiner Hohlraum an der Nordseite des Kreuzes ausgespart, der zur Aufnahme der versiegelten Glasflasche bestimmt war, welche die anfangs erwähnte Urkunde mit etwas Kriegsgeld und zirka zwanzig verschiedenen Briefmarken als Zeitbeweise enthielt. Vier große Plänerplatten, welche den Oberteil der Grube völlig ausfüllen und scharf an das Kreuz angemauert wurden, bildeten den Abschluß. Diese geben dem Kreuz einen ganz bedeutenden Halt, denn, da uns daran lag, so viel als möglich von dem unteren Teile zu gewinnen, haben wir es nur zirka fünfundzwanzig bis dreißig Zentimeter in der Erde gelassen. Dadurch aber, daß unser Maurer den in der Erde sitzenden Teil und alle darum liegenden Steine und Platten sorgfältig und reichlich mit Zement eingebaut hat, nehmen wir an, dem wuchtigen Kreuze doch genug Halt gegeben zu haben. Eine schwache Erdschicht und die ausgestochenen Rasenstücke verdecken die aufgemauerten Steine. Um es nun recht schön zu machen, ging ich dem gehobenen Kreuze – mit Wassereimer und Wurzelbürste bewaffnet – zu Leibe, um den in den Vertiefungen sitzenden roten Lehm zu entfernen. Dadurch aber hob sich der untere Teil des Kreuzes durch sein neues Aussehen vom alten verwitterten Oberteil ab, was allerdings in anderer Form auch schon vorher der Fall war. Diesem Übelstand half unser Maurer dadurch ab, daß er jetzt mit Faustpinsel und Zementwasser auftrat und dem noch rötlich schimmernden unteren Teile einen dunkleren, dem Oberteil ähnlicheren, grauen Anstrich gab. Er stellte meine Arbeit als völlig wirkungslos hin. Mit dem nötigen Humor und mit übertriebener Peinlichkeit führte er diese letzte Arbeit aus. – Wir freuten uns nun alle, als das fertige, gehobene, alte Steinkreuz in seiner vollen Größe vor uns stand. Wir haben uns viel Arbeit damit gemacht und es hat manchen Tropfen Schweiß gekostet, aber wir hatten auch viel Spaß dabei.
Unser Maurer, der – nebenbei bemerkt – auch schön photographieren kann, machte nun noch eine Ausnahme, welche ich beigefügt habe. Sie zeigt im Vergleich zu derjenigen des Herrn Dr. Kuhfahl, um wieviel wir das Kreuz herausgeholt haben.
Mit dem Bewußtsein, ein praktisches Stück Heimatschutzarbeit geleistet zu haben, und in der frohen Hoffnung, daß dies bei anderen Heimatschützlern in verwandten Vereinen recht bald und oft Nachahmung finden möge, machten wir uns auf den Heimweg. Denn nicht nur allein durch die Mitgliedschaft wird der Heimatschutz gefördert und alles Schöne, Althergebrachte und Vorgeschichtliche auch der Nachwelt erhalten und überliefert, sondern selbst mit Hand anlegen, beobachten und schützen: das ist Heimatschutz und tut überall dringend not!

Richard Köhler
Berichterstatter des
Touristen-Vereins “Torwalder””

zum abschluss noch ein aktuelles bild von mir

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