
#Kirchensafari – Die Basilika in Waldsassen
Es gibt Orte, die einen schon beim ersten Blick ehrfürchtig verstummen lassen. Die Stiftsbasilika in Waldsassen gehört zweifellos dazu. Wer aus dem weiten Land der Oberpfalz anreist, sieht zunächst die mächtigen Doppeltürme aus dem Stadtbild ragen, die dem gesamten Ensemble ein monumentales Gepräge geben. Es ist nicht irgendeine Kirche, die hier steht: Die Basilika Mariä Himmelfahrt und St. Johannes Evangelist ist eine der bedeutendsten Barockkirchen Süddeutschlands und zugleich geistiges Zentrum eines Klosters, das seit dem Mittelalter die Region geprägt hat.

Ein kurzer Gang durch die Geschichte
Die Wurzeln reichen zurück in das Jahr 1132, als Pfalzgraf Diepold III. von Vohburg die Zisterzienser nach Waldsassen berief. Es war die große Zeit der Ordensausbreitung, und Waldsassen wurde zu einem Zentrum im Nordgau, eng verbunden mit dem böhmischen und oberpfälzischen Raum. Der erste Kirchenbau war eine romanische Anlage, wie sie für den Zisterzienserorden typisch war: schlicht, streng, ohne überbordende Ausstattung. Doch diese erste Blütezeit endete jäh – im Zuge der Reformation und der konfessionellen Wirren des 16. Jahrhunderts wurde das Kloster aufgehoben, die Gebäude verfielen.
Ein Neubeginn erfolgte 1661: Die Zisterzienser kehrten zurück, unterstützt vom bayerischen Kurfürsten und vom Bischof von Regensburg. Man wollte nicht nur die Abtei erneuern, sondern auch ein Zeichen barocker Glaubensstärke setzen. 1685 begann man mit dem Neubau der heutigen Kirche, und schon 1704 konnte die Weihe stattfinden.
Die Namen der Baumeister lesen sich wie ein „Who is Who“ des süddeutsch-böhmischen Barock: Abraham Leuthner war einer der Hauptplaner, bald traten Georg und Christoph Dientzenhofer hinzu, die aus Böhmen stammten und die barocke Architektursprache entscheidend prägten. Sie verliehen Waldsassen den Schwung, die Raumfülle und die für den Hochbarock typische Bewegung.
1969 schließlich erhob Papst Paul VI. die Kirche zur Basilica minor – eine Auszeichnung, die nur besonders herausragenden Gotteshäusern zukommt. Damit ist Waldsassen nicht nur ein Kloster, sondern auch eine päpstlich ausgezeichnete Stätte der Verehrung.
Architektur – barocke Gesamtsymphonie
Schon von außen macht die Kirche Eindruck. Die Zweiturmfassade erhebt sich über dem westlichen Stadtplatz. Ihre wuchtigen Türme wurden ab 1697 von Bernhard Schießer ausgeführt. Sie stehen wie ein Triumphbogen da und kündigen an, was sich im Inneren entfaltet: ein Gesamtkunstwerk des Barock.
Der Grundriss folgt dem Typus der Wandpfeilerkirche, einer Erfindung der Zeit, die Lichtfülle und Gliederung vereint. Das Langhaus öffnet sich zu Seitenkapellen, Emporen rahmen den Raum, und über der Vierung spannt sich eine große Pendentivkuppel. Alles ist auf Bewegung angelegt, auf das Wechselspiel von Architektur, Stuck und Malerei.
Die Maße sind beachtlich: Über 80 Meter Länge, fast 25 Meter Breite, eine Höhe, die in der Kuppel fast 28 Meter erreicht. Die Basilika wirkt im Inneren wie ein Schiff, das den Gläubigen in die himmlische Sphäre trägt.
Die Stuckaturen stammen von Giovanni Battista Carlone, einem Meister aus dem italienischen Intelvi-Tal. Er schuf die weißen, verspielten Dekorationen, die sich wie Spitzenwerk über die Pfeiler und Bögen legen. Die Fresken malte Johann Jakob Steinfels aus Prag: Sie erzählen in Chor, Langhaus und Kuppel von den zentralen Geheimnissen des Glaubens – die Gründung des Klosters, Szenen aus dem Leben Jesu und die Himmelfahrt Mariens, die Schutzmantelmadonna hoch oben im Gewölbe.
Das Zusammenspiel von Architektur, Stuck und Fresken erzeugt jenen typischen „theatrum sacrum“-Effekt des Barock: Die Kirche ist Bühne, auf der Heilsgeschichte erlebbar wird.
Kunstwerke – Weltkugel und Visionen
Besonders eindrucksvoll ist der Hochaltar, 1696 von Carlone geschaffen. Sein Zentrum bildet das berühmte Kugeltabernakel, eine Art Weltkugel, die anzeigt: Die Eucharistie ist Mittelpunkt und umfasst die ganze Welt. Gestaltet wurde dieses Tabernakel vom Waldsassener Bildhauer Karl Stilp – eine geniale Erfindung, die bis heute einzigartig ist.
Das Hochaltarbild zeigt die Kreuzigung Christi, darüber ein Aufsatzbild mit Gottvater. Diese Werke werden Jean-Claude Monnot zugeschrieben, einem französischen Maler, der in Süddeutschland tätig war.
An der Nordseite befindet sich der Marienaltar mit einem Gemälde der Himmelfahrt Mariens, gemalt 1708 von Johann Andreas Wolff, dem Hofmaler in München. Damit knüpft die Basilika auch an die großen Kunstzentren Bayerns an.
Nicht minder beachtlich ist das Chorgestühl von Martin Hirsch – kunstvoll geschnitzte Sitze für die Mönche, die im Chor das Stundengebet verrichteten. Kostbar sind auch die Silberarbeiten, etwa von Johann Georg Göhringer aus Eger.
Und doch ist es vielleicht nicht das Gold und Silber, das die meisten Besucher im Gedächtnis behalten – sondern etwas anderes, das im Langhaus verborgen ist: die Katakombenheiligen.
Die Katakombenheiligen – eine Schatzkammer barocker Frömmigkeit
Wer durch das Langhaus schreitet, wird in den Seitenaltären auf Gestalten stoßen, die wie in edlen Kleidern ruhen. Zehn Ganzkörperreliquien, reich mit Stoffen, Edelsteinen und Kronen geschmückt, sind hier ausgestellt. Man nennt sie Katakombenheilige, auch „Heilige Leiber“.
Ihre Geschichte reicht ins 17. und 18. Jahrhundert zurück, als man in Rom aus den Katakomben die Gebeine vermeintlicher Märtyrer barg. Diese wurden an Klöster in ganz Europa verschenkt oder verkauft, um die Gegenreformation zu stärken. Waldsassen erhielt gleich eine ganze Sammlung – eine der größten überhaupt.
Die Fassung dieser Reliquien übernahm der Laienbruder Adalbert Eder. Mit großer Kunst kleidete er die Skelette in Brokat, Seide und samtene Gewänder, er setzte Edelsteine ein, fertigte Kronen, Zepter und Insignien. Damit wurden die Katakombenheiligen zu einem barocken Schauspiel – zugleich Reliquienverehrung und sichtbarer Triumph der Kirche.
Jeder dieser Heiligen trägt einen Namen, der ihm in Rom gegeben wurde – oft Namen aus den Listen der Märtyrer, wie Deodatus oder Benedikt. Man verehrte sie als Fürsprecher im Himmel, als Schutzpatrone der Gläubigen. Noch heute feiert Waldsassen alljährlich das Heilige-Leiber-Fest, eine Prozession, die diese Tradition lebendig hält.
Für den heutigen Besucher mag diese Form der Frömmigkeit befremdlich wirken. Doch im Barock war sie Ausdruck tiefster Überzeugung: Der Leib, so geschmückt, weist hin auf die himmlische Herrlichkeit, in der die Märtyrer mit Christus verbunden sind. Die Basilika in Waldsassen ist damit auch ein einzigartiges Dokument katholischer Reliquienverehrung.
Musik und Klang – die große Orgel
Ein Ort wie Waldsassen lebt nicht nur vom Anblick, sondern auch vom Klang. Die heutige Orgel wurde 1988/89 von Georg Jann erbaut, nach Plänen von Günther Kaunzinger. Sie verfügt über sechs Manuale, über 100 Register und mehr als 7700 Pfeifen – eine der größten Orgeln der Diözese Regensburg.
Damit ist die Basilika auch ein Zentrum der Kirchenmusik. Orgelkonzerte und Aufführungen großer sakraler Werke lassen den barocken Raum immer wieder neu aufleben.
Ein Blick in die Quellen
Schon die frühen Kunsthistoriker würdigten die Basilika. In den „Kunstdenkmälern von Bayern“ (1908) heißt es:
„Eine der größten Kirchenbauten der Oberpfalz, mächtig und doch durch die Gliederung der Pfeiler und Kapellen in ein harmonisches Ganzes gefügt.“
Der Dehio spricht von einer „der bedeutendsten barocken Wandpfeilerkirchen nördlich der Alpen“. Diese Stimmen zeigen, dass Waldsassen weit über die Region hinaus geschätzt wird.
Persönliche Eindrücke
Als Besucher wird man leicht überwältigt von der Fülle. Doch es lohnt, innezuhalten: im Chor, unter der Kuppel, oder vor einem der Altäre. Das Zusammenspiel von Architektur und Kunst, von Glaube und Geschichte ist hier auf jedem Quadratzentimeter spürbar.
Und wenn man schließlich die Kirche verlässt, zurück auf den Platz tritt und die Türme im Sonnenlicht sieht, dann versteht man, warum Waldsassen nicht nur eine Basilika ist, sondern ein Monument des Glaubens, der Kunst und der Kulturgeschichte Mitteleuropas.

Fazit
Die Stiftsbasilika Waldsassen ist weit mehr als eine Kirche: Sie ist Geschichtsbuch, Schatzkammer und Glaubenszeugnis zugleich. Ihre Architektur zeigt die Höhepunkte des Barock, ihre Ausstattung verbindet regionale Kunst mit internationalen Meistern, und ihre Katakombenheiligen sind einzigartig in Deutschland.
Wer sich auf eine #Kirchensafari begibt, findet hier einen Höhepunkt, der kaum zu übertreffen ist – ein Ort, der nicht nur Kunstfreunde, sondern auch alle, die sich für Geschichte und Glauben interessieren, tief bewegt. (In Zusammenarbeit mit Herrn Clarus)
Ein Phänomen – weiter oben schon angesprochen – sind die Katakombenheiligen. Da mich das so faszniert möchte ich Ihnen eine Extra-Seite widmen. zu erreichen per KlickKlack aufs Bild!
Vielen Dank für Ihren Besuch.
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Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir; sofern ich jetzt noch im Fleisch lebe,
lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat.
Galater 2,20
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