Burg Gnandstein – #schlössersafari
Ein Sonnabend im Oktober, dichter Nebel und kräftiger Regen: Viel einladender hätte sich das Wetter für einen Ausflug kaum zeigen können – jedenfalls dann, wenn man eine alte Burg in aller Ruhe betrachten möchte. Auf Burg Gnandstein waren wir an diesem Tage beinahe allein. Statt Besuchergruppen begleiteten uns das Geräusch des Regens und die Stille der alten Mauern. Und so konnten wir uns Zeit nehmen für eine Burg, die ihre mittelalterliche Gestalt noch erstaunlich eindrucksvoll erkennen lässt.
Über den Dächern des Dorfes
Schon von unten beherrscht der mächtige, runde Bergfried das Bild der Burg. Unter ihm gruppieren sich die hohen Dächer, Wohnbauten und Mauern, in denen sich die Entwicklung von der mittelalterlichen Wehranlage zum bewohnten Herrschaftssitz ablesen lässt. Besonders eindrücklich ist das Nebeneinander von Bruchsteinmauerwerk, verputzten Fassaden und den gekuppelten romanischen Fenstern. Im grauen Oktoberlicht wirkten diese Bauformen beinahe wie aus einer alten Bauaufnahme.

Tore, Zwinger und Wehrgänge
Der Weg in die Burg führt durch Toranlagen und an mächtigen Mauern vorbei. Hier lohnt der Vergleich mit den Fotografien aus dem Aufsatz von 1926: Dessen Abbildung 2 zeigt den Blick vom zweiten Burgtor in den Zwinger, Abbildung 3 das zweite Burgtor von innen, dazu den Wehrgang und den Zwinger. Die alten Aufnahmen halten nicht bloss pittoreske Ansichten fest, sondern zeigen den räumlichen Zusammenhang der Befestigung. Bei unserem Besuch waren die Pflastersteine nass und glänzten im Licht, während sich der Weg hinter den Torbögen fast menschenleer fortsetzte.




Der romanische Saal
Ein besonderer Raum ist der romanische Saal im Obergeschoss des älteren Palas. Seine kräftige Holzbalkendecke, die tiefen Fensternischen und vor allem die gekuppelten Fenster bestimmen noch heute den Eindruck. An den Fenstern stehen hölzerne Sitzgelegenheiten; mitten im Saal nimmt eine lange Tafel den Raum ein. Hier zeigt sich besonders gut, was ein Vergleich über ein Jahrhundert hinweg leisten kann.
Abbildung 6 des Aufsatzes von 1926 bezeichnet den Raum ausdrücklich als «romanischen Saal im Obergeschoss des älteren Palas» und nennt die romanisch gekuppelten Fenster sowie die Reste des Kamins in der rechten vorderen Ecke. Auf der historischen Aufnahme hängen Wappen, Waffen und Jagdtrophäen an den Wänden. Heute wirkt der Saal deutlich zurückhaltender eingerichtet. Die Architektur mit ihren Fensteröffnungen und der Decke lässt sich jedoch gut wiedererkennen. Unsere Aufnahmen zeigen den Raum aus mehreren Richtungen und erlauben auch einen Blick in die Fensternischen.


Die Burgkapelle – eine eigene Geschichte
Die Schlosskapelle Gnandstein mit ihrem Marien-, Annen- und Bartholomäusaltar betrachten wir in einer eigenen #kirchensafari.
Ein zweiter Schwerpunkt unseres Besuches war die Burgkapelle. Auch für sie liefert der Aufsatz von 1926 wertvolle Innenaufnahmen. Die damalige Ausstattung mit ihren Altären, den Kreuzigungsfiguren und dem später wieder zerlegten Betstuhl eröffnet eine eigene kunsthistorische Spurensuche. Gerade weil hier zahlreiche Veränderungen dokumentiert werden können, erhält die Kapelle eine eigene Unterseite unserer #kirchensafari. Dort werden wir die historischen Ansichten mit den Aufnahmen von 2015 und 2026 vergleichen und die Geschichte der Kreuzigungsgruppe gesondert behandeln.
Ein Schatz, ein Schlüssel und ein verlorenes Pergament
Auch eine veritable Schatzsage gehört zu Gnandstein. Der Aufsatz von 1926 überliefert unter Berufung auf Friedrich Riehles Sachsengrün (Band I, Dresden 1861, S. 86 f.) eine Geschichte aus der Zeit um 1800: Ein Herr von Einsiedel soll auf einer Italienreise schwer erkrankt und in einem Kloster geheilt worden sein. Zum Abschied habe ihm der Prior ein geheimnisvolles Pergament überlassen, verfasst in einer unbekannten orientalischen Schrift. Ein Leipziger Professor vermochte angeblich wenigstens das erste Blatt zu entziffern.
Danach sollten in einer Säule der Kunigundenkapelle wertvolle heilige Gefässe verborgen sein; ein Schlüssel war in einer Mauerhöhlung des alten Bergfrieds zu suchen. Der Schlüssel wurde der Sage nach tatsächlich in einem eisernen Kästchen gefunden – doch hatten Arbeiter inzwischen das Kästchen ausgeräumt, und niemand wusste mehr, in welche Richtung der Schlüsselbart weisen musste, um den Schatz zu finden. Zu allem Unglück verbrannte auch noch das Pergament bei einem Stubenbrand in Leipzig. Damit war die Spur für immer verloren.
Der Verfasser von 1926 deutete die Erzählung selbst als möglicherweise im romantischen Umfeld der Familie von Einsiedel entstandene Schatzsage, nicht als historischen Nachweis eines verborgenen Schatzes. Für unsere #schlössersafari ist sie dennoch zu reizvoll, um sie zu übergehen.
Quelle: Aufsatz über Burg Gnandstein, 1926, S. 381, unter Verweis auf Fr. Riehle, Sachsengrün, Bd. I, Dresden 1861, S. 86 f.
Ein stiller Besuch
Vielleicht war es gerade das schlechte Wetter, das diesen Burgbesuch so eindrücklich machte. Im Regen wirkte die Anlage abweisend und wehrhaft, in den Räumen dagegen erstaunlich ruhig. Wo 1926 noch Wappen und Waffen die Einrichtung prägten, konnten wir heute ungestört Fenster, Mauerwerk und Raumproportionen betrachten. So ist diese #schlössersafari zugleich ein kleiner Versuch, eine historische Bildquelle wieder mit dem Bauwerk selbst ins Gespräch zu bringen.
Ein Blick zurück – und hinüber zur Burgkapelle
Zum Abschluss unserer #schlössersafari sei der Blick noch einmal auf die ganze Burg gerichtet: Eine kolorierte historische Ansicht von 1926 zeigt Gnandstein über den Häusern des Dorfes, unter einem heiteren Himmel – ein reizvoller Gegensatz zu unserem nebligen und verregneten Besuch hundert Jahre später.

Die zweite kolorierte Aufnahme von 1926 führt uns bereits in die Burgkapelle. Sie zeigt die damalige Ausstattung mit dem Marienaltar, dem Kruzifix und weiteren Kunstwerken. Was von dieser Einrichtung geblieben ist, was sich verändert hat und welche Rätsel die alte Kreuzigungsgruppe aufgibt, soll Gegenstand einer eigenen #kirchensafari werden. Die Geschichte der Kapelle verdient ihren eigenen Raum.

Quellenhinweis: Historischer Aufsatz zur Burg Gnandstein (1926), insbesondere Abb. 2, 3, 6, 8 und 9; eigene Fotografien vom 10. Oktober 2026. Die Abbildungen 8 und 9 werden auf der geplanten Kapellenseite ausführlicher besprochen.
(in Zusammenarbeit mit Herrn Clarus)
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