Ein Gedenkstein von dem – nach all meinen Recherchen – nur der Fakt bekannt ist. Eine geschichte dazu gibts nicht. Also haben der Herr Clarus und ich einmal überlegt was im Jahre 1842 wohl passiert sein könnte…
Der letzte Winter des Jägers Resag
(Tharandter Wald, 20. Februar 1842)
Der Winter des Jahres 1842 war kein milder. Im Tharandter Wald lag der Schnee noch tief zwischen den Fichten, und selbst die breiteren Forstwege waren hart gefroren. Die Weißeritz floss dunkel zwischen Eisrändern, und der Wind zog kalt über die Höhen bei Bellmanns Los. Erdman Emanuel Resag kannte diesen Wald besser als viele andere. Er war Jäger – vielleicht nur ein Revierjäger, vielleicht ein einfacher Jagdgehilfe. Einer jener Männer, die täglich durch den Wald gingen, Spuren lasen, Fallen kontrollierten, und darauf achteten, dass niemand das Wild des Königs stahl. Doch ein solcher Dienst war kein leichter. Der Lohn war gering, und der Winter lang.
Man erzählt sich, dass in jenem Jahr vieles zusammenkam. Ein krankes Kind vielleicht. Oder eine Frau, die im Dorf zurückblieb und nicht wusste, wie der nächste Monat bezahlt werden sollte. Vielleicht war auch der Dienst selbst eine Last geworden. Jäger standen zwischen allen Fronten: Sie sollten das Wild schützen – und mussten doch oft den Menschen begegnen, die aus Hunger zur Schlinge griffen.
Resag kannte diese Männer. Holzfäller, Tagelöhner, Köhler.
Und manchmal war die Grenze schmal.
Ein Reh im falschen Moment.
Ein Schuss im falschen Waldstück.
Man weiß nicht, wann der erste Schritt über diese Grenze geschah. Vielleicht war es gar kein großes Vergehen – nur ein Stück Wild, das nicht gemeldet wurde. Ein Stück Fleisch, das nicht im Jagdbuch stand.
Doch im Staatsforst blieb so etwas selten verborgen.
Vielleicht gab es eine Anzeige.
Vielleicht eine Untersuchung.
Vielleicht drohte der Verlust der Stelle.
Für einen Jäger bedeutete das mehr als nur Arbeit. Es bedeutete den Verlust von Rang, Wohnung, Brot.
Der 20. Februar war ein kalter Tag. Die Sonne stand tief über den verschneiten Hängen des Tharandter Waldes. Resag ging allein hinaus, wie er es oft tat. Die Spuren der Rehe waren im Schnee gut zu erkennen.
Vielleicht wusste er bereits, dass alles entschieden war.
Man kann sich vorstellen, wie er an jener Stelle stehen blieb, wo heute der Stein steht. Ein ruhiger Ort zwischen Fichten, nicht weit vom Weg, aber doch verborgen genug.
Der Wald war still.
Ein Jägergewehr lag in seiner Hand – ein Werkzeug, das ihm jahrelang Dienst getan hatte.
Ein Schuss im Wald war nichts Ungewöhnliches. Die Förster hörten täglich solche Geräusche. Vielleicht hat ihn niemand bemerkt.
Als man ihn später fand, war alles still.
Der Winter ging vorüber. Der Schnee schmolz, und die Wege wurden wieder weich. Irgendjemand – vielleicht Kollegen, vielleicht Menschen aus dem Dorf – setzte schließlich einen Stein.
Nicht groß. Kein Grabstein. Nur eine schlichte Erinnerung:
„Auf dieser Stell hat sich der Jäger Erdman Emanuel Resag den 20. Febr. 1842 vorsätzlich erschossen.“
Vielleicht wollte man damit nur eines sagen:
Es war kein Jagdunfall.
Es war eine Entscheidung.
Der Wald aber nahm die Geschichte langsam in sich auf. Die Jahrzehnte gingen vorüber, Wege veränderten sich, neue Förster kamen, neue Wanderer gingen durch die Fichten.
Und irgendwann blieb nur noch der Stein.
Manchmal kommt jemand vorbei, bleibt stehen, liest die wenigen Worte – und fragt sich, was damals geschehen sein mag.
Dann nimmt er vielleicht kurz den Hut ab.

Und geht weiter.
(in Zusammenarbeit mit Herrn Clarus)
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