Allerheiligenkirche Erfurt

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Allerheiligenkirche Erfurt


#kirchensafari am dritten Weihnachtsfeiertag

Der Weg war an diesem Morgen fast schon vorgezeichnet. Dom, Severikirche – die großen, gewichtigen Orte zuerst. Weite Räume, hohe Gewölbe, viel Stein, viel Geschichte. Der dritte Weihnachtsfeiertag lag still über der Stadt, die Kälte hielt sich hartnäckig in den Gassen, und selbst auf dem Domplatz wirkte alles ein wenig gedämpfter als sonst. Weihnachten war noch da, aber nicht mehr laut.

Nach Dom und Severi führt der Schritt fast zwangsläufig hinüber zur Allerheiligenkirche. Sie liegt ein wenig abseits des großen Stroms, fast wie ein Nachgedanke – und gerade darin liegt ihre Kraft. Während Dom und Severi von oben herab sprechen, antwortet Allerheiligen auf Augenhöhe.

Im nördlichen Schiff, im Chorbereich, steht er dann: dieser Altar, den man nicht sofort einordnen kann. Zwei Flügel, geöffnet. Kein klassischer Flügelaltar mit Passionsszenen oder Heiligenfiguren, kein dramatisches Erzählen. Stattdessen: Ordnung. Reihen. Kleine, stoffbezogene Formen, sorgfältig gefasst, hinter Glas geschützt. Ein stiller Schrein.


Man tritt näher heran – und merkt schnell, dass dieser Altar nicht für den schnellen Blick gemacht ist. Er verlangt Zeit. Die einzelnen Kapseln unterscheiden sich, trotz der strengen Gliederung. Herzen, Kreuze, Zeichen, Stickereien, Farben, Metalle. Jede für sich ein kleines Universum, zusammengefügt zu einem Ganzen, das weniger erklärt als andeutet.

Es ist ein Altar, der nicht predigt. Er sammelt.

Gerade nach Dom und Severi wirkt das fast wie ein Innehalten. Dort das große Heilsnarrativ, die klaren Linien der Liturgie, die gewaltigen Räume. Hier eine andere Form von Frömmigkeit: persönlicher, fragmentarischer, leiser. Man denkt unwillkürlich an Stiftungen, an einzelne Menschen, an Erinnerungen, die nicht verschwinden sollten. Vielleicht Reliquien, vielleicht Andachtsstücke, vielleicht Zeichen von Dank oder Bitte – nicht alles muss benannt sein, um wirksam zu werden.

Die Flügel verstärken diesen Eindruck. Keine Figuren, keine Geschichten. Ornament, Textil, Rhythmus. Wiederholung. Fast meditativ. Geschlossen wäre dieser Altar wohl streng und verschlossen, geöffnet hingegen entfaltet er eine eigentümliche Wärme – nicht durch Glanz, sondern durch Nähe. Man steht davor und merkt: Hier geht es um die Vielheit. Um das, was sich nicht auf einen Namen reduzieren lässt.

Und plötzlich passt alles zusammen. Allerheiligen. Nicht der eine Heilige, nicht der eine Held des Glaubens, sondern die Gemeinschaft. Die Vielen. Die Namenlosen. Die, die Spuren hinterlassen haben, ohne große Geschichte zu schreiben. Dieser Altar ist dafür ein erstaunlich modernes Bild – obwohl seine Wurzeln tief ins Mittelalter reichen.

Dass er heute im Kontext des Kolumbariums steht, ist mehr als eine praktische Entscheidung. Es ist eine inhaltliche Linie. Auch dort: Reihen, Namen, Daten, Zurückhaltung. Keine große Inszenierung des Todes, sondern ein ruhiger Ort des Erinnerns. Leben und Tod werden hier nicht getrennt, sondern nebeneinander gestellt. Wie in diesem Altar: Bewahren statt erklären.

Vielleicht war es gerade dieser Morgen, der den Blick dafür geöffnet hat. Der dritte Feiertag hat etwas Übergängiges. Weihnachten klingt noch nach, aber der Alltag steht schon leise vor der Tür. Die Kirchen sind offen, aber nicht überfüllt. Man kann stehen bleiben, ohne zu stören. Man kann schauen, ohne gedrängt zu werden.


Als ich mich wieder löste, blieb weniger ein konkretes Bild zurück als ein Gefühl: dass dieser Ort etwas bewahrt, was leicht verloren geht. Nicht die große Erzählung, sondern die vielen kleinen. Nicht das Pathos, sondern die Sammlung. Ein Altar, der nicht dominiert, sondern begleitet.

Nach Dom und Severi ist Allerheiligen kein Nachklang, sondern ein Gegenstück. Und dieser Schrein im nördlichen Chor ist vielleicht sein leiser Mittelpunkt. Einer, der nicht sofort spricht – aber lange nachwirkt. (Text in Zusammenarbeit mit Herrn Clarus)


Pietà (Vesperbild), um 1380/1390
Steinskulptur an der Südseite des Westturms der Allerheiligenkirche Erfurt. Maria sitzt frontal und hält den Leichnam Christi auf ihrem Schoß. Der Körper Jesu ist ungewöhnlich klein und kindhaft proportioniert, was den Eindruck von Schutzbedürftigkeit und völliger Hingabe verstärkt. Marias Gesicht bleibt gefasst, beinahe streng; Trauer wird nicht ausgestellt, sondern getragen. Die Falten des Gewandes sind tief eingeschnitten und bündeln sich zur Mitte hin, wodurch sich die Komposition nach innen schließt. Das Vesperbild folgt dem Typus der spätmittelalterlichen Andachtsskulptur: nicht erzählend, sondern zur stillen Betrachtung auffordernd – ein Bild der gebändigten Klage und der Hoffnung jenseits des Todes.



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Ich gehe einher in der Kraft Gottes des HERRN; ich preise deine Gerechtigkeit allein.
Psalm 71,16



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